Castiglione

Seit ich zwölf Jahre alt war, stand es für mich fest: Eines Tages würde ich auswandern. Raus aus Deutschland. Die kalten, grauen Winter hinter mir lassen. Ich war fest entschlossen: Nach Abitur und Studium, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde ich meine sieben Sachen packen und der rheinlandpfälzischen Landeshauptstadt den Rücken kehren, um gen Süden zu gehen. Am liebsten nach Castiglione della Pescaia.

In dem beschaulichen Fischerort im Herzen der Toskana verbrachte ich die Sommerurlaube mit der Familie und auch heute verschlägt es mich noch häufig in die Maremma. An diesem Ort brauche ich einfach nur anzukommen und kann gleich mit Wohlfühlen beginnen. Die Tage am Meer sind für mich stets so viel mehr als Erholung. Jedes Bad im kristallblauen Wasser ist wie eine kleine Heilung. Das Leben dort erscheint mir leichter, genussreicher und generell lebenswerter.

Castiglione della Pescaia

Castiglione della Pescaia: Sehnsuchtsort am Meer

Wir spulen 15 Jahre vor. Nein, ich wohne heute nicht in einem kleinen Häuschen am Meer mit süßen Klappläden und Zitronenbaum im Vorgarten. Und eigentlich ist das auch ganz in Ordnung so. Gerade erst komme ich wieder zurück aus Italien und für mich ist einer der schönsten Dinge, die das Reisen so mit sich bringen: sich auf zu Hause freuen und Heimkommen. Wenn ich die Tür zu meiner Altbauwohnung in der Mainzer Neustadt aufschließe, herzlich von meinen Mitbewohnerinnen Sandra und Nadine sowie Katze Phoebe begrüßt werde, stelle ich jedes Mal fest: Das ist es. Das ist mein zu Hause. Hier fühle ich mich wohl und geborgen.
Am Abend treffe ich meine Schwester Anne und wir genießen einen milden Sommerabend am Rheinufer. Auf den kühlen Steintreppen sitzend und über das Wasser schauend, denke ich für mich, dass die Sonnenuntergänge in Mainz durchaus mit denen in der Toskana mithalten können.
Am nächsten Tag laufe ich die Boppstraße entlang, eine im Frühling mit blühenden Bäumen gesäumte Straße in der Neustadt, durch die man Richtung Altstadt läuft. Den prächtigen Mainzer Dom, in seinem sandsteinroten Gewand, stets im Blickfeld. Niuscha kommt mir auf dem Fahrrad entgegen und grüßt im Vorbeifahren. Auch dafür liebe ich diese Stadt: Sie hat für mein Empfinden genau die richtige Größe, um sich nicht zu anonym vorzukommen und teilweise dörflichen Charakter. Jedes Mal, wenn ich nach draußen gehe, treffe ich ganz automatisch Freunde und Bekannte, ohne dass ich mich verabreden muss.
So viele Erinnerungen verbinden mich mit dieser Stadt. Nur wenige Kilometer entfernt bin ich aufgewachsen und auch zum Studium hat es mich an die Johannes Gutenberg Universität mit ihrem herrlichen Campus gezogen. Viele Nächte habe ich im „Schon Schön“ durchgefeiert, habe auf der Kupferbergterrasse über die Stadt geblickt, bin die Rheinpromenade entlang flaniert, habe in mehreren WGs gelebt, bin die wunderschöne Augustinergasse mit ihren kleinen Läden und Fachwerkhäusern entlang geschlendert und habe im Goethepark laue Sommerabende verbracht. Hier in Mainz habe ich Freundschaften zu Menschen geschlossen, die über viele Jahre gewachsen sind und mir mittlerweile ungemein wichtig sind. Freunde, die so besonders sind, dass sie nicht mal eben in einem anderen Land zu ersetzen wären.

Sarah Waltinger

Sarah Waltinger, Bloggerin aus Mainz

Wer weiß, vielleicht zieht es mich eines Tages tatsächlich in den Süden. Bis dahin genieße ich mein schönes Mainz am Rhein genauso, wie meine Reisen in die Toskana. Und sollte ich den Schritt wagen, dann seid ihr auf jeden Fall herzlich eingeladen in meinem Häuschen am Meer. Ich lasse es euch wissen. Versprochen!

Sarah Waltinger ist gebürtige Mainzerin und schwärmt – mit großer Leidenschaft – von dort aus, um die Welt zu entdecken.
Auf ihrem Blog Itchy Feet erzählt sie Geschichten von unterwegs und von den Menschen, die ihr begegnen.
Sie gibt Tipps zu Fernreisen sowie zu spannenden Orten gleich vor der Haustür.
Der Fokus liegt hierbei auf nachhaltigem Reisen.